Gastbeitrag: „Oder lehrt euch auch nicht die Natur?“

„Oder lehrt euch auch nicht die Natur?“
Von Giraldus Zwilling

Nach so manch regnerischen Tagen gab es diesen Sommer doch auch so manch hochsommerliche Tage und es blieb nicht aus, dass der Verfasser dieser Zeilen die Pflanzen im Garten des kleinen Anwesens, auf welchem er die Sommermonate verbrachte, gießen musste.
Jenes kleines Anwesen befindet sich im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, ist allerdings eher in Vorpommern als in Mecklenburg zu verorten. An das Grundstück angrenzend stehen die Gebäude der ehemaligen LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft), heute Sitz der lokalen Agrargenossenschaft. Außer dem Namen hat sich da nicht viel verändert. Der dortige ehemalige LPG-Brigadeleiter ist nach der Wende Chef der neu gegründeten Agrargenossenschaft geworden, sämtliches Vermögen der LPG wurde in ebendiese Genossenschaft überführt und so läuft alles seinen gewohnten sozialistischen Gang weiter.
Zwei regionale Anekdoten seien mir an dieser Stelle noch gestattet: Das Autokennzeichen „VG“ steht offiziell für den Landkreis Vorpommern-Greifswald, inoffiziell bei den Einheimischen jedoch für „Volksgenossen“. Und schließlich das alte Kennzeichen „OVP“. Hierbei handelte es offiziell um den Landkreis Ostvorpommern, bei der gemeinen Bevölkerung jedoch, geographisch völlig zutreffend, um „Orte vor Polen“.
Aber zurück zum Garten mit seinen vielfältigen Flora. Beim Gang mit der Gießkanne kamen mir folgende Gedanken:
Jede Pflanze, ob nun Blume, Strauch oder Baum, ist durch Wurzeln mit dem Erdreich verbunden. Je kräftiger dieser Wurzelwerk ist und je tiefer es liegt, umso stärker ist die Pflanze. Naturgewalten, welche von außen auf sie einwirken können ihr nicht so schnell was anhaben.
Das Erdreich ist ein Bild für die Tradition. Je tiefer wir Menschen in ihr verwurzelt sind, umso so stärker stehen wir da. Das Wasser, welches die Pflanze stärkt, ist im Übertragenen Sinne all das, wo mit wir uns beschäftigen. Beschäftigen wir uns also mit Dingen, die uns mehr mit der Tradition „verwurzeln“ lassen. Nur so gestärkt können wir den Stürmen des dekadenten Zeitgeistes standhalten.
Eine andere, weitere Analogie welche sich geradezu aufdrängt, ist diese:
Um Muskeln aufzubauen, bedarf es kontinuierlichen Trainings. Aber körperliches Training alleine nützt wenig, wenn nicht sogar nichts, wenn es nicht mit einer entsprechenden Nahrungsaufnahme verbunden wird. Und so ist es auch im geistlichen Leben. Der Mensch verkümmert seelisch, wenn er keine „geistliche Speise“ zu sich nimmt.
Eine weitere, im Hinblick auf den Muskelaufbau, interessante Tatsache ist doch auch diese: Muskeln bilden sich bekannterweise durch (leichte) Verletzungen der Muskelfasern. Und wie ist es im Leben? Ist es nicht auch hier so, dass diejenigen, welche während ihres Lebensweges so manche „Verletzung“ davongetragen haben, jetzt stärker als zuvor dastehen?
Ein letzter Punkt ist nun dieser:
Nicht von ungefähr bezeichnet man ja auch das Beten als das Atmen der Seele. Jeder kann es selbst einmal probieren und das Atmen einstellen. Es wird dem Körper sicher nicht gut tun. Ebenso ergeht es der Seele, wenn man nicht betet.
Wie man sieht, erschliesst sich das Leben auch aus den Beobachtungen in der Natur oder allgemeiner der Schöpfung, deren Teil wir als Menschen sind. Im Grunde genommen braucht es da keine Millionen von „Lebensratgeber“-Literatur, es reicht mit offenen Augen und Ohren, sowie mit wachem Verstand sich umzusehen und in sich zu gehen.

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