Über Ehe und Familie bei den Germanen

Auszüge aus dem Buch „Germania“ von Tacitus, zweisprachige Ausgabe Lateinisch-Deutsch, Anaconda-Verlag, 2013.

„(…) Trotzdem hat man bei ihnen von der Ehe eine strenge Auffassung, und es gibt keine Seite ihres sittlichen Lebens, die man mehr rühmen könnte. Denn sie sind fast allein von allen fremden Völkern mit einer einzigen Frau zufrieden; nur sehr wenige bilden eine Ausnahme, die sich indessen nicht aus Sinnlichkeit, sondern wegen ihrer adeligen Stellung mehrfach mit Heiratsanträgen umwerben lassen. (…)“

„(…) So leben die Frauen in wohlbehüteter Keuschheit, ohne durch Verlockungen von Schauspielen oder die Reizungen von Gelagen verdorben zu werden. Geheimen Briefwechsel kennen die Männer sowenig wie die Frauen. So zahlreich die Menschen in diesem Volke sind, so vereinzelt kommt es zu einem Ehebruch; die Strafe dafür wird augenblicklich vollzogen und steht dem Gatten zu: entblößt, mit abgeschnittenem Haar jagt sie der Mann im Beisein der Verwandten aus dem Hause und treibt sie unter Peitschenhieben durch das ganze Dorf. Für Preisgabe der Frauenehre gibt es nämlich keine Verzeihung: eine Ehebrecherin findet keinen Mann wieder, und wenn sie noch so schön, so jung oder so reich wäre. Denn niemand belächelt dort Laster, und verführen und sich verführen lassen gilt nicht als Geist der Zeit. Besser noch steht es um die Stämme, bei denen überhaupt nur die Jungfrauen heiraten und es mit der einmaligen Aussicht auf Verehelichung sein Bewenden hat. So bekommen sie einen Gatten, wie sie ja auch nur einen Körper und ein Leben empfangen haben, damit sie gleichsam nicht ihren Mann, sondern die Ehe [als den Weg zur Mutterschaft] lieben. Die Geburtenzahl zu beschränken oder ein nachgeborenes Kind zu töten gilt als Schande, und die gesunden sittlichen Anschauungen wirken bei den Germanen stärker als anderswo gute Gesetze.

In allen Häusern wachsen sie dürftig gekleidet und wenig gepflegt zu diesen Gliedmaßen, die wir bewundern. Die eigene Mutter stillt sie alle; man überläßt die Kinder nicht Mägden oder Ammen. Herrensohn und „Sklaven“-Kind kann man durch keinerlei verzärtelte Erziehung voneinander unterscheiden: unter demselben Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Kindheit, bis das reife Alter die Edlen schließlich aussondert, die Leistung sie als solche erweist. Spät erwacht in den jungen Männern die Liebe, darum ist ihre Zeugungskraft unverbraucht. Auch mit der Verheiratung der jungen Mädchen hat man keine Eile; dieselbe jugendliche Kraft, der gleiche schlanke Wuchs ist ihnen eigen: den Jünglingen ebenbürtig in ihrer Unverbrauchtheit, gehen sie die Ehe ein, und in den Kindern lebt die gesunde Kraft der Eltern weiter. (…)“

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